Ich leg dir ein Kuscheltier aufs Grab. Es ist ein Bär, ein gelber mit flauschigen Ohren. Ich setze ihn hoch oben auf den Grabstein, damit er den kompletten Überblick hat. Die Besucher laufen vorbei, ohne ihn zu beachten, weil sie ihren Gedanken nachhängen. Sie sehen ihn nicht, weder die Jungen noch die Alten, weder die Trauernden noch die, deren Trauer in Alltag übergegangen ist.
Der Bär sieht Vögel fliegen, Ameisen und Käfer krabbeln, und beobachtet Würmer, die sich zu deinem Sarg bohren. Nachts sieht er Fledermäuse und Vampire. Zum Glück hat er kein Blut, sondern besteht aus Watte, weshalb er keine Angst haben muss. Aber er fürchtet sich trotzdem, schließlich ist er ganz klein und weich.
Was das soll, fragst du?
Ganz einfach. Er soll dich beschützen, mein Bär, bei dir sein soll er, damit du nicht alleine bist. Schließlich kann ich hier nicht tagein tagaus sitzen und auf dich aufpassen. Das Tier ist mein Botschafter, mein kleiner Wachsoldat, der dich beschützt. Mein Tresor, der dir meine Liebe und Gedanken aufbewahrt. Das ist kein leichter Job. Die Sonne wird sein Fell verblassen, der Regen wird seine Innereien aufweichen. Seine Plastiknase wird abfallen und die Watte wird heraushängen und grau werden. Er wird ein Auge verlieren, vielleicht auch beide, und die Ohren werden an langen Fäden herabgleiten und schließlich abfallen. Er wird mitgenommen und grau aussehen. So mitgenommen und grau, wie es in mir aussieht, seit du nicht mehr bei mir bist.
Erst wenn der Bär in Fetzen von deinem Grabstein hängt, werde ich ihn begraben. Ich werde Samen pflanzen in seinen Wattebauch und in der Erde über dir verbuddeln.
Erst dann kaufe ich einen Braunbären aus Holz. Einen, der abgehärtet ist und resistent gegen Witterung und Schmerz.
(Foto von mir, gesehen auf Westfriedhof München)




